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Dass wir auch an unserer Schule über Anonymität, mangelnde Zivilcourage, Amoklauf, Suchtgefährdung, Terrorismus, Stresssymptome und Zukunftsängste reden, beschränkt sich längst nicht mehr auf gelegentlich hysterische Reaktionen auf Katastrophen weitab von Alzey. Auch ganz nüchtern betrachtet sind die Herausforderungen an junge Menschen größer geworden. Das Menschen- und das Weltbild hat sich in unserem abendländischen Kulturkreis grundlegend verändert seit der Jahrtausendwende. Ethik ist das Fach, welches der Werteauflösung und der zunehmenden Verunsicherung etwas Stabilisierendes entgegenzusetzen vermag: Orientierung und Halt.

Seit jeher dient Ethik der moralischen Selbstvergewisserung. Sie liefert dem fragenden und zweifelnden Einzelnen einen praktischen Kompass zur Orientierung. Ohnehin ist der Mensch ein weltoffenes und daher suchendes Wesen. In Zeiten des schwindenden Vertrauens in die gesellschaftlichen und politischen Leitfiguren und Leitbilder, der massiven Gefährdung des Subjekts, seiner Freiheit und seiner Mitbestimmungsmöglichkeiten (Autonomie), zumal in einer multikulturellen Gesellschaft, wird die Frage nach einer verlässlichen Orientierung dringlicher denn je.
Diesen Fragen junger Menschen, denen der alltägliche Lebensvollzug in einer gefährdeten Welt, in der sie leben, nicht (mehr) selbstverständlich ist, stellt sich das Fach Ethik.

Es prüft, hinterfragt und begründet ethische Konzepte. Es macht stark und führt gleichzeitig zu einem reflektierten Verantwortungsbewusstsein. Es schärft gleichzeitig eine optimistische wie eine kritische Haltung. Es durchbricht Dumpfheit und bekämpft die Anfälligkeit für vereinfachende Schwarz-Weiß-Denkmuster.

Ein Ethik-Schüler geht die denkerische Anstrengung ein sich selbst in Auseinandersetzung mit anderen und mit großen Denkern (von Aristoteles bis Zarathustra) zu befragen.
Im Unterschied zu ihrem nächsten Verwandten, der Philosophie, konzentriert sich Ethik auf die Fragen des praktischen Lebensvollzuges (Kant: „Was soll ich tun?“).
Im Unterschied zum Fach Religion ist Ethik nicht konfessionell gebunden und betrachtet alle Religionen, alle Kulturen, auch außereuropäische (Buddhismus, Stammeskulturen, Hinduismus, Islam, Judentum usw.) wie säkulare, philosophische Konzepte gleichberechtigt.
Ihre Nachbarn, mit denen es manche Überscheidungen gibt, sind: Literatur/Theater, Sozialwissenschaft, Psychologie, Pädagogik, Kunst, Biologie.

Ethik: Beispiele
Hier eine kunterbunte Beispielsammlung ethischer Themen und Fragen: Wo kann ich Sinn in meinem Leben finden? – Wie rechtfertige ich mein Handeln? – Woran orientiert sich mein Handeln? – Lassen sich verbindliche Regeln und Werte für alle formulieren? – Wie gehe ich meinen Weg, ohne mich zu verlieren? – Was darf der Mensch? Ist alles erlaubt? – Wie entsteht Aggression (Amoklauf, Selbstverletzung, Vorurteile, Diskriminierung)? – Gewalt und Gewaltlosigkeit – Gefährdungen des Einzelnen (Sucht) – Gibt es eine Seele? – Haben Träume Sinn? – Was kann mir mein Unbewusstes mitteilen? – Was ist Glück? Wie kann ich zu ihm finden? – Lebenskunst – Welche Ursachen hat die Finanzkrise? – die Kraft des Mythos – An der Grenze des Lebens – Wie mit dem Tod umgehen? – Ich und die anderen – Was bedeutet mir eigentlich der andere Mensch? – Was ist Liebe? – Was kann ich in der Geschichte und in der Politik bewirken? – Wie kann ich mich engagieren – gegen Umweltzerstörung, gegen Manipulation? – Was ist das Gute? Was ist das Böse? Was ließe sich unter einem guten Handeln verstehen? – Was kennzeichnet unsere Kultur in ihrenTraditionen? – Welche Rolle spielt die Technik und welche sollte sie spielen? – Bin ich Natur- oder Kulturwesen? – Ich und Erwachsenwerden: Vom Sinn der Entwicklungskrisen – Recht und Gerechtigkeit – Was ist Freundschaft? – Globalisierung, Weltethos und Globalisierungskritik – Wirtschaft und Ethik: Markt und Moral – Solidarität – Vom Umgang mit der Sexualität – Was ist Macht und wie lässt sie sich beschränken? – Religionen und Religionskritik – Was ist das Gewissen? – Der Körper als Medium der Selbstwahrnehmung – Gleichberechtigung – Was ist das Schöne? – Ästhetik und Ethik – Die Zeit, in der wir leben: Postmoderne – Ist Abtreibung zu befürworten? – Soll ich ein Organ spenden? Wie lassen sich Spenderorgane gerecht verteilen? – Archetypen in Film und Literatur (Dracula, Don Juan, Trickster und andere)- wie Gruppen funktionieren (von der Familie bis zu autoritären Staaten) – Wie lassen sich Konflikte durch Kommunikation lösen? – Wie soll ich mit Tieren umgehen (vom Haustier bis zur Massentierhaltung)? – Kann Egoismus ein Garant wirtschaftlichen Wohlergehens sein? – Wie lässt sich die Finanzkrise ethisch beurteilen? – Sind Tugenden noch zeitgemäß oder ist alles erlaubt? – Wie bewerte ich Doping? – Was passiert, wenn verschiedene Kulturen mit ihren Traditionen aufeinanderprallen(von der Beschneidung bis zum Weltethos)? – Sekten – Was kann der Bürger der Macht des Staates entgegensetzen? – die Frage nach der Gleichstellung von Frau und Mann – Selbstwerdung in der Gesellschaft: Geht das? (Personalisation und Sozialisation) -Medien und Ethik: Persönlichkeitsschutz und Grenzen der Informationsgesellschaft- Psychoanalyse – Widerstandskämpfer und Ziviler Ungehorsam – die Kraft der Meditation – Haben alle Menschen im Prinzip gleiche Grundrechte? – Gibt es noch ein eigenes Leben in der Informationsgesellschaft? – Kreativität – Ernährung- Freiheit und Determination – die Folgen von Krieg und Vertreibung – Hat die Umwelt überhaupt einen Anspruch auf ihre Erhaltung? – Trägt der Wissenschaftler eine besondere Verantwortung (Gentechnik, Atombombe)? – Welche Folgen hat der medizinische Fortschritt? – Welche Risiken birgt Technik? – Welche Risiken birgt der entfesselte Kapitalismus? – Warum sollte Selbsttötung ein Tabu sein? – Warum ist die Todesstrafe inhuman? – Vom Umgang mit der Zeit – Theater als Selbsterfahrung – Vom Umgang mit AIDS – Wie geht der Mensch mit seinem Körper um (Tattoos, Piercing, Body Building, Magersucht)? – Religionen und Religionskritik – Wie entsteht Armut und wie lässt sie sich verhindern? – Lebensbalance-Konzepte – Alternative Lebenskonzepte – Modelle normativer Ethik (Tugendethik, Diskursethik, Utilitarismus, Mitleidsethik, Deontologische Ethik usw.) – Menschenbilder im Lauf der Geschichte

Diese Liste kann niemals vollständig sein. Denn letzten Endes geben die Schüler eines Kurses mit ihren Fragen an sich und an ihre Zeit immer wieder neu die Themen vor. Eine Herausforderung, der sich Schüler und Lehrer gleichermaßen zu stellen haben. Ihr seht: Ethik kann dabei ‘mal konkreter, ‘mal abstrakter sein, ‘mal denkerisch fordernd, ‘mal kreativ-leicht. Jeder Schüler, der sich diese oder ähnliche Fragen stellt, ist eingeladen, von der Jahrgangsstufe 5 bis zum Mündlichen Abitur.

Ethik: Lehrwerke
Sekundarstufe I: Leben leben (jeweils für eine Doppeljahrgangsstufe; Verlag Klett)
MSS: Standpunkte der Ethik (Verlag Schöningh)

Ethik: Lehrer
Am Gymnasium am Römerkastell unterrichten derzeit das Fach Ethik: Frau Albrecht, Frau Alof, Herr Kreuscher, Herr Meyer, Herr Pritzkoleit.

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